CTC Clinic

Die letzte Woche in Ndolage war im Gegesatz zum sonstigen, eher gemächlichen Lebensrhythmus ("Pole pole!" - "Langsam, langsam!") fast schon hektisch.
Am Montag war ich in der CTC Clinic und habe mich von Dr. Victoria ein bißchen in die Behandlung und Betreuung von HIV- und AIDS-Kranken einweisen lassen. Dr. Vic ist eine Ärztin von den Philippinen und die einzige Asiatin in Ndolage. Die Patienten können im Prinzip jeden Tag in die Clinic kommen und sich Ihre Medikamente abholen bzw. verschreiben lassen. Die Behandlung ist kostenfrei. Der Hauptsponsor heißt ICAP. Allerdings ziehen sich wohl immer mehr Organisationen aus dem Programm zurück, vermutlich nicht zuletzt wegen der Rezession. Alle hoffen und bangen, dass ICAP weiter durchhält und die Versorgung nicht völlig zusammenbricht. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn die Medikamente von jedem einzelnen Patienten selbst bezahlt werden müssten. Vermutlich kaum einer könnte es sich leisten. Die Sterblichkeit würde rasant ansteigen. Kinder und Alte blieben zurück. Auf diese Art und Weise wäre an einen langsamen wirtschaftlichen Aufschwung des Landes nicht mehr zu denken. Aber mit diesem Problem ist Tansania nicht alleine. Botswana hat beispielsweise die höchste Rate an Infizierten des ganzen Kontinents. Jeder 3. Einwohner (!!!) soll dort HIV positiv sein.
Grundsätzlich hatte ich den Eindruck, dasss die Versorgung der HIV-Patienten in Ndolage eigentlich ganz gut organisiert ist. Natürlich gibt es aber beim genaueren Hinsehen in der Umsetzung des Programms so einige Pferdefüße. Zum Beispiel fehlt ein Gerät, um die Anzahl der T-Helfer Zellen im Blut zu bestimmen, ein sogenannter CD4-Counter. T-Helfer Zellen sind die Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die charakteristischerweise, bedingt durch den HIV-Virus mit der Zeit rapide abnehmen. Auf diese Weise wird das Immunsystem extrem geschwächt und die Patienten haben ein steigendes Risiko an opportunistischen (mit HIV einhergehenden) Infektikonen, wie zum Beispiel Tuberkulose, zu erkranken und schließlich häufig auch daran zu versterben. Jedes halbe Jahr sollte solch ein CD4 Count stattfinden. Fällt die Anzahl der CD4-Zellen unter einen bestimmten Wert, so wird mit der medikamentösen Behandlung, bestehend aus mehreren Medikamenten, begonnen. Da es ein solches Gerät nicht gibt, wird den Patienten zwar in Ndolage das Blut abgenommen, dann wird es aber umständlich und über relativ weite Strecken z.B bis in das Bukoba Government Hospital zur Auswertung gebracht. Hört sich erstmal nach einer vertretbaren Lösung an. Leider ist es aber so, dass von den auswärtigen Krankenhäusern nur eine limitierte Anzahl an Messungen pro Woche zugelassen werden. So kann es sein, dass CD4-Counts nicht pünktlich durchgeführt werden und damit evtl. der richtige Zeitpunkt für den Behandlungsbeginn verpasst wird. Aber selbst wenn alles ideal läuft und die medikamentöse Therapie zeitig begonnen wird, so kommt es immer öfter dazu, dass Medikamente oder aber auch Kondome fehlen. Leider wurde auch kürzlich die bis dato kostenfreie Behandlung von opportunistischen Infektionen eingestellt. Kommt jetzt ein Patient mit einer solchen Erkrankung, muss er die Kosten selber tragen. Die meisten können das nicht. Ein viel genutztes Hintertürchen ist daher der Medikamentenfundus des "Palliativ Care Teams". Leider versiegt auch diese Quelle immer öfter. Eine weitere Möglichkeit ist der "Poor Patient Fund (PPF)", für den so viele Paderborner beim 24h-Schwimmen letzten Sommer im strömenden Regen ins Wasser gesprungen sind. Leider mußte ich hören, dass auch dieser zur Gänze aufgebraucht ist.
Tja, auf diese Weise sind den Doktoren dann viel zu oft die Hände gebunden, obwohl die Strukturen eigentlich gar nicht so schlecht sind.
Das Schicksal eines kleinen Patienten hat mich an diesem Tag besonders beschäftigt. Er kam mit seiner eigentlich sehr gesund aussehenden Mutter. Zuerst habe ich ihn gar nicht gesehen. Seine Mutter trug ihn in einen Kanga gewickelt auf dem Rücken. Als sie sich dann setzte und das Kind nach vorn auf ihren Schoß holte, habe ich mich richtig erschrocken. Zum Vorschein kam ein völlig ausgemergeltes, vor Kraftlosigkeit nur noch wimmerndes, kleines Würmchen mit tief in die Höhlen eingesunkenen Augen. Selbst im Gesicht konnte man jeden Knochen einzeln erkennen. Dafür hatte er einen riesigen "Hungerbauch" mit im Gegensatz dazu furchbar dünnen Ärmchen und Beinchen. Außerdem litt er an langanhaltendem Fieber und Erbrechen. Seit einer Woche habe er nichts Festes mehr bei sich behalten können. Laut der Mutter sollte er sechs Jahre alt sein. Wenn man ihn sich so ansah, schätzte man ihn aber höchstens auf vier. Auf Nachfrage sagte die Mutter sie sei HIV positiv, jedoch in einer anderen Klinik registriert. Sie bräuchte bisher keine Therapie. Ihren Sohn habe sie nicht testen lassen und jetzt ginge es ihm seit einer Woche immer schlechter. Dr. Vic. wollte den Kleinen gleich aufnehmen. Wie immer musste aber die finanzielle Seite zuerst geklärt werden, da nur wenige eine Krankenversicherung besitzen. Victoria sagte, sie habe zu Beginn viele Patienten einfach aufgenommen, die dann noch am gleichen Tag das Krankenhaus wieder verlassen haben, weil sie die auf sie zukommenden Kosten nicht aufbringen konnten. Auch diese Mutter gab an, keine Versicherung und auch kein Geld zu haben. Ich fragte Dr. Vic nach dem PPF und erfuhr auf diese Weise, dass er völlig aufgebraucht ist. Zum Glück wurde der kleine Patient samt Mutter aber trotzdem aufgenommen. Wie die Kosten letztendlich gedeckt werden, weiß ich nicht. Vermutlich geht es aber zu Lasten des Krankenhauses. Keine Seltenheit. Solche "Samaritertaten" sind natürlich sehr schön, richtig und wichtig, treiben aber ein Krankenhaus auf die Dauer womöglich in den Konkurs. An dieser Stelle daher nochmal die Erinnerung an den PPF. Wenn jeder, der im Dezember weit über 1000 Besucher auf unserem Blog, auch nur 5 Euro spenden würde (Kontodaten findet Ihr unter dem Reiter Ndolage), dann wären das mehr als 10.000.000 tansanische Schillinge. Ein für hiesige Verhältnisse riesiger Batzen Geld!