Stonetown

Letzten Mittwoch sind wir mit dem Flugzeug von Pemba wieder zurück auf die Hauptinsel Unguja geflogen und haben uns in Stonetown einquartiert. Mit großer Erleichterung stellten wir fest, dass das Stromkabel vom Festland wieder funktioniert. So Luxusdinge wie die Klimaanlagen, Ventilatoren und Kühlschränke konnten wieder rund um die Uhr benutzt werden. Im Gespräch mit den Einheimischen stellte sich schnell heraus, dass die Situation in den letzten drei Monaten doch recht angespannt war. Der ständige Lärm der Generatoren und die Hitze waren sicherlich nicht besonders erholsam. Nun aber ist die Stromversorgung wieder recht stabil und alles geht wieder seinen gewohnten Gang.
Gleich am ersten Abend sind wir zum Abendessen in ein benachbartes Hotel namens "Kiswahili House" gegangen. In den ersten drei Etagen befinden sich die Zimmer, das Restaurant ist auf dem Dach. Auch wenn es nur drei Etagen waren, kamen wir ziemlich erledigt oben an. Der fantastische Ausblick hat aber für alles entschädigt. Auch das Essen war ausgezeichnet, so dass unser erster Eindruck von Stonetown recht positiv war. Das sollte sich so schnell auch nicht ändern. Nachdem die benachbarten Muhezins der insgesamt 45 Moscheen der Stadt ihre Schäfchen (über 90% der Einwohner sind Moslems) zum Abendgebet gerufen hatten, sind wir schließlich auch langsam zurück ins Hotel geschlendert.
Der zweite Tag fing mit einer Erkundung der Stadt auf eigene Faust an. Stonetown selber ist nicht wirklich groß und dank der Stadtkarte haben wir uns auch recht schnell in den engen Gassen zurechtgefunden. Der erste Weg führte uns an den Hafen und zu einem Tauch-Center. Dort haben wir für den nächsten Tag eine Fahrt mit zwei Tauchgängen gebucht. Eine davon sollte uns zum "Great Northern Wreck" führen. Mehr dazu später. Nachdem wir die Stadt noch etwas weiter erkundet hatten, sind wir für eine kleine Pause zurück ins Hotel gegangen, um uns noch etwas auszuruhen. Von der Managerin des Fumba Beach Resorts (unsere erste Bleibe auf Sansibar) hatten wir die Telefonnummer eines empfehlenswerten Guides bekommen und uns auch gleich am Vorabend noch zu einer Führung verabredet. Punkt 15 Uhr startete unsere Tour mit Said. Zunächst bekamen wir noch im Hotel etwas über die Geschichte Sansibars zu hören. So erfuhren wir zum Beispiel, dass Sansibar eigentlich eine ganze Inselgruppe bestehend aus den beiden Nachbarinseln Unguja (Hauptinsel, die der gemeine Tourist als Sansibar kennt) und Pemba, jeweils mit Nebeninseln. Die eher unbekannte Latham-Insel gehört ebenfalls zu dem 2654 m2 großen Archipel.
Die Bevölkerung Sansibars ist ein bunter Mix der verschiedensten Kulturen. Die ersten Einwohner Sansibars waren Afrikaner. Doch schon seit dem 8. Jahrhundert fanden Shirazi, Perser und Araber den Weg auf die Inselgruppe und islamisierten sie im Laufe der Zeit. Die eingewanderten Volksgruppen vermischten sich mit den Afrikanern; es entstand eine neue Kultur, sowohl auf Sansibar als auch an der afrikanischen Ostküste. Diese Kultur, die unter dem Namen "Swahili" (vom arabischen Wort "sawahil", "Küste") bekannt wurde, hatte sogar eine eigene Sprache entwickelt, die heute in ganz Ostafrika eine bedeutende Rolle spielt: das Kiswahili. Neben den Swahili und den Arabern liessen sich auf Sansibar zwei weitere Volksgruppen nieder: einerseits indische Händler und andererseits Europäer, die als Missionare oder als Beauftragte der Kolonialmacht nach Sansibar kamen. Die Kolonialmächte hielten sich aber nicht lange und Sultane aus dem Oman übernahmen das Zepter auf Sansibar.Sehr schnell wurde das Archipel zu einem der grössten wirtschaftlichen Zentren Ostafrikas. Berühmtheit erlangten die Inseln vor allem durch den Handel mit Gewürzen, Elfenbein und Sklaven. Ab 1818 wurden neben dem Handel auch Gewürznelken angebaut und Sansibar erreichte bereits um 1850 eines seiner Blütestadien: Die Inseln waren der weltweit grösste Produzent von Gewürznelken und leider auch der grösste Sklavenumschlagplatz Ostafrikas.
Nach dem Geschichtsunterricht folgte der Stadtrundgang. Die Highlights waren sicherlich der Markt und der ehemalige Sklavenmarkt. Gerade die Geschichte um den Sklavenhandel war erschreckend greifbar. Die alten Kammern, in denen die Sklaven früher "zwischengeparkt" wurden, sind noch vorhanden und zu besichtigen. Kaum vorstellbar, dass 70 Menschen bis zu ihrem Verkauf in diese engen Räume gesperrt wurden. Nicht nur dass es keine Toiletten oder ähnliches gab, bei Flut fand das Meerwasser seinen Weg auch in die ohnehin schon viel zu engen Räume. Viele der Sklaven sind so nicht nur an Erschöpfung und Hunger, sondern auch an Krankheiten und Seuchen gestorben. Diejenigen die es bis zum Verkauf "geschafft" hatten, wurden zunächst an einen Baum gebunden und ausgepeitscht um den jeweiligen Wert zu ermitteln. Je eher der Ausgepeitschte aufschrie oder jammerte, desto weniger war er wert. Auf dem Platz mit dem Baum steht jetzt eine Kirche. Den abgesägten Baumstumpf kann man dort heute noch im Boden vor dem Altar sehen. Der Sklavenhandel dauerte etwa 300 Jahre an und wurde erst durch Anstrengungen der britischen Krone unterbunden. Initial angestoßen durch Hernn Livingstone, der auch schon die Viktoriafälle entdeckt hatte.
Nach dem Stadtrundgang folgte die sogenannte "Spicetour". Dazu sind wir auf eine Art Schulungsplantage für Gewürze gefahren. Hier haben wir zum ersten Mal Zimt und Nelken am Ort ihrer Entstehung gesehen. Wusstet ihr, dass Nelken am Baum wachsen und wie sie vorher eigentlich aussehen? Oder dass die Wurzel der Zimtpflanze zur Herstellung von Wick Wapurup verwendet wird und schon im "Rohzustand" genauso riecht? Wir nicht und daher waren wir ziemlich überrascht. Dann haben wir Ingwer gesehen, Kardamon, Vanille.......und schlussendlich waren wir dort, wo der Pfeffer wächst. Ist gar nicht so schlimm da! :-) Grüner, weißer und schwarzer Pfeffer stammen allesamt von der gleichen Pflanze und unterscheiden sich nur durch den Zeitpunkt der Ernte. Insgesamt eine äußerst informative und interessante Tour mit einigen Überaschungsmomenten.
Den Abend haben wir dann zunächst mit Jutta, Gabriel und Maria bei einem Sundowner ausklingen lassen. Anschließend gab es noch ein leckeres Abendessen bei Jutta zu Hause. Jutta ist die dänische Ärztin, die wir in Ndolage kennengelernt haben. Sie arbeitet mittlerweile auf Sansibar im hiesigen Gesundheitsministerium.
Tag drei begann mit einem klingelnden Wecker um 7 Uhr. Um Punkt 9 sollten wir ja im Tauchcenter am Hafen sein. Zwei Stunden sind eigentlich mehr als ausreichend, aber da das Frühstücksbuffet seine Pforten nach afrikanischer Zeit öffnete, mussten wir uns tatsächlich noch etwas beeilen. Nachdem die Ausrüstung ausgesucht und verstaut war, ging es mit dem Boot raus aufs Meer. Wegen der Nebensaison waren wir angenehmerweise die einzigen Gäste. Der Seegang war recht heftig und die Fahrt somit eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Seekrank ist aber keiner geworden. Der erste Tauchgang erfolgte am Bawe South Reef. Etwas verwöhnt durch die vorangegangenen Tauchgänge, haben wir nicht mehr viel neues vor die Maske bekommen. Trotzdem war es ein weiterer, wunderschöner Tauchgang durch Korallen und ein Meer bunter Fische. Sogar drei Blaupunktrochen haben wir gesehen. Der zweite und mit Spannung erwartete Tauchgang führte uns zum Great Northern Wreck. Sylvester 1902 zerschellte vor Stonetown ein britisches Kabelverlegeschiff an einem der Riffe und sank. Heute ist es ein beliebtes Ziel für Taucher, da es über und über mit Korallen bewachsen ist. Auch wenn von dem Schiff nicht mehr allzuviel zu erkennen ist, war es für uns ein tolles Taucherlebnis. Auf dem Rückweg zu unserem Tauchschiff enteckten wir noch eine Seenadel. Sieht aus wie ein Schnürsenkel, nur kürzer und stammt aus derselben Familie wie die Seepferdchen. Ein kleiner Tintenfisch direkt unter dem Boot rundete den Tauchgang dann ab. Abends sollten wir seine Mama dann auf unseren Tellern wieder sehen. :-)))
Auch wenn Tauchen an sich nicht wirklich anstrengend ist, so haben wir im Hotel doch mal eben schnell die Augen für ein spätes Mittagsschläfchen zugemacht, bevor wir unsere erste Shopping-Tour durch Stonetown starteten. Wiederum haben wir uns auf die Tips aus Fumba verlassen und wurden auch nicht enttäuscht. Hätten wir einen Container und genügend Geld, wir würden ihn bis Anschlag vollmachen. Da uns aber beides nicht zur Verfügung steht, haben wir uns auf einige wenige Kleinigkeiten beschränkt.
Für Samstag stand ein Ausflug auf dem Programm. Jutta hatte ein Auto gemietet und zusammen mit ihrer Mitbewohnerin und dem 6 Monate alten Sohn Kelvin fuhren wir nach Kizimkazi an den Strand. Dort hatten wir uns zu einer Delphin-Safari verabredet. Bewaffnet mit Maske, Schnorchel und Flossen fuhren wir hinaus aufs Meer. Schon nach kurzer Zeit entdeckten wir das erste Grüppchen dieser Ozeanbewohner und sprangen zu ihnen ins Wasser. Leider waren sie nicht so richtig in Spiel- oder Entdeckerlaune und waren schnell wieder ausser Sichtweite. Auch die weiteren Versuche scheiterten kläglich. Dennoch waren wir für kurze Zeit sehr nah bei den Tieren und daher rundum zufrieden. Den Rest des Tages verbrachten wir faulenzend am Strand.
Den letzten Tag unseres Abenteuers Afrika begannen wir mit einem weiteren Spaziergang durch die Altstadt. Aufgrund der vorangegangenen Tage kennen wir uns jetzt schon recht gut aus und verlaufen uns nur noch sehr wenig. Gegen Mittag trafen wir uns ein letztes Mal mit Jutta. Sie hatte einen Überraschungsgast dabei: Chris aus dem Oman, gebürtig aus England. Ein sehr interessanter Kerl. Derzeit verdient er seine Brötchen auf einer Lodge in Tansania und organisiert dort die Ausflüge in den Busch. In Afrika ist er schon gut rumgekommen und wusste eine Menge zu erzählen. Bei original italienischem Eis und kalten Getränken ging schliesslich auch dieser schöne Tag zu Ende und wir mussten uns ein weiteres Mal von neugewonnenen Freunden verabschieden. Schliesslich stand noch der Punkt "Rucksack packen" auf der Tagesordnung. Ein letztes Mal - Juhu! Definitiv einer der wenigen Dinge, die wir nicht vermissen werden. Damit das Gepäck etwas leichter wird, haben wir ein paar Sachen aussortiert, dazu noch Malariamedizin und Verbandmaterial gepackt und einem netten Sansibari mitgegeben, den wir während unserer Zeit in der Stadt des öfteren getroffen haben. Er hat sich sehr über die große Tasche gefreut. Selbst meine wirklich ausgelatschten und kaputten Laufschuhe (mit denen habe ich meine ersten beiden Ironman-Rennen bestritten) wollte er gerne haben. Wenn er damit glücklich ist, soll es mir nur Recht sein.
Nun heisst es nur noch alle Klamotten in die Rucksäcke schmeißen (oder besser quetschen), möglichst dicke Sachen für die kalte Ankunft in Frankfurt draussen lassen, ein letztes Abendessen und dann schlafen gehen. Morgen früh um 10:40 Uhr startet unser Flieger von Sansibar in Richtung Heimat und wir freuen uns wirklich riesig, Euch alle wiederzusehen!